Melanopisches Licht

Kurzdefinition:

Melanopisches Licht beschreibt diebiologisch wirksame Komponentedes Lichts, die dencircadianen Rhythmus (Tag-Nacht-Rhythmus) steuert. Es wirkt über speziellePhotorezeptoren (ipRGCs) in der Netzhaut, die besonders empfindlich fürblaues Licht (~480nm) sind. Gemessen inMelanopic Lux (mlx). Entscheidend fürHuman Centric Lighting (HCL).

Was ist melanopisches Licht?

Licht hatzwei Hauptwirkungen auf den Menschen:

1. Visuelle Wirkung (Sehen)

ÜberStäbchen & Zapfen (klassische Photorezeptoren)
→ ErmöglichtSehen
→ Gemessen inLux (lx)

2. Nicht-visuelle Wirkung (Biologie)

ÜberipRGCs (intrinsisch photosensitive Ganglienzellen)
→ Steuertcircadianen Rhythmus
→ Gemessen inMelanopic Lux (mlx)

Melanopsin & ipRGCs

Die biologische Wirkung wird durch spezielle Zellen vermittelt:

  • ipRGCs (intrinsically photosensitive Retinal Ganglion Cells):
    Spezielle Ganglienzellen in der Netzhaut, dieselbst lichtempfindlich sind
  • Melanopsin:
    Photopigment in ipRGCs, maximal empfindlich bei~480nm (blau-türkis)
  • Signalweg:
    ipRGCs → Nucleus suprachiasmaticus (SCN) → Zirbeldrüse →Melatonin-Regulation

Melanopic Lux (mlx)

Diebiologische Wirksamkeit von Licht wird inMelanopic Lux (mlx) gemessen:

Melanopic Lux (mlx) = Lux-Wert, gewichtet nach dermelanopischen Empfindlichkeitskurve

Blaues Licht (480nm) hat hohen mlx-Wert
Rotes Licht (650nm) hat niedrigen mlx-Wert
→ Bei gleicher Helligkeit (Lux) kann mlx stark variieren!

Verhältnis mlx zu lx (Melanopic Ratio)

LichtquelleFarbtemperaturmlx / lx RatioBiologische Wirkung
Glühbirne2700K0,3-0,4Sehr gering (wenig Blau)
LED Warmweiß2700-3000K0,4-0,5Gering
LED Neutralweiß4000K0,6-0,7Mittel
LED Kaltweiß5000-6500K0,8-1,0Hoch (viel Blau)
Tageslicht (Himmel)6500K0,9-1,2Sehr hoch

Beispiel:

500 lx Warmweiß (2700K): ~200 mlx (Ratio 0,4)
500 lx Kaltweiß (6500K): ~450 mlx (Ratio 0,9)
→ Bei gleicher Helligkeit hat Kaltweiß2,3× stärkere biologische Wirkung!

Wirkung auf den Körper

Circadianer Rhythmus (Tag-Nacht-Rhythmus)

Melanopisches Licht steuert dieinnere Uhr:

Morgens/Tagsüber (hoher mlx)

Viel blaues Licht (hoher mlx) signalisiert "Tag":
Melatonin-Unterdrückung (Schlafhormon)
Cortisol-Ausschüttung (Stresshormon, macht wach)
Aktivierung, Konzentration, Leistungsfähigkeit ↑

Abends/Nachts (niedriger mlx)

Wenig blaues Licht (niedriger mlx) signalisiert "Nacht":
Melatonin-Produktion startet (ab ~21 Uhr)
Entspannung, Müdigkeit, Schlafbereitschaft ↑
→ Körper bereitet sich auf Schlaf vor

Empfohlene melanopische Beleuchtungsstärken

NachDIN SPEC 67600 undCIE S 026/E:2018:

TageszeitEmpfohlener mlx (vertikal, Augenhöhe)Ziel
Morgens (6-9 Uhr)> 250 mlxAktivierung, Melatonin-Unterdrückung, Wachheit
Tagsüber (9-17 Uhr)> 200 mlxKonzentration, Leistungsfähigkeit, circadianer Rhythmus
Abends (ab 18 Uhr)< 100 mlxEntspannung, Melatonin-Produktion vorbereiten
Nachts (ab 21 Uhr)< 10 mlxSchlafvorbereitung, Melatonin-Produktion nicht stören

Wichtig: Vertikale Messung!

Melanopisches Licht wirkt über dieAugen, daher wirdvertikal auf Augenhöhe gemessen (nicht horizontal wie bei Lux!). Typisch: 1,2m Höhe, Blickrichtung horizontal.

Human Centric Lighting (HCL)

Human Centric Lighting nutzt melanopisches Licht gezielt:

HCL-Konzept:

Dynamische Beleuchtung passt sich demTagesablauf an:

  • Morgens: Hoher mlx (kaltweiß, 6500K, hell) → Aktivierung
    Beispiel: 750 lx @ 6500K = ~675 mlx
  • Mittags: Mittlerer mlx (neutralweiß, 4000K) → Konzentration
    Beispiel: 500 lx @ 4000K = ~325 mlx
  • Abends: Niedriger mlx (warmweiß, 2700K, gedimmt) → Entspannung
    Beispiel: 200 lx @ 2700K = ~80 mlx

Gesundheitliche Auswirkungen

• Positive Effekte (richtiger mlx)

  • Besserer Schlaf: Stabiler circadianer Rhythmus
  • Höhere Leistungsfähigkeit: Tagsüber wacher, konzentrierter
  • Bessere Stimmung: Weniger Winterdepression (SAD)
  • Gesünderer Stoffwechsel: Hormonhaushalt reguliert
  • Stärkeres Immunsystem: Durch besseren Schlaf

Negative Effekte (falscher mlx)

  • Zu viel mlx abends:
    → Melatonin-Unterdrückung → Einschlafprobleme → Schlafmangel
  • Zu wenig mlx tagsüber:
    → Müdigkeit → Konzentrationsprobleme → Leistungsabfall
  • Gestörter circadianer Rhythmus:
    → Schlafstörungen → Depression → Stoffwechselprobleme → Übergewicht

Praktische Umsetzung

Im Büro

Empfehlung:

  • Tageslicht nutzen!
    → Arbeitsplatz nahe Fenster (Tageslicht hat hohen mlx)
    → Jalousien nur bei Blendung schließen
  • Kunstlicht ergänzen:
    → Morgens/Mittags: 4000-5000K (hoher mlx)
    → Nachmittags: 4000K (mittlerer mlx)
    → Abends (Überstunden): 3000K (niedriger mlx)
  • HCL-System:
    → Automatische Anpassung über den Tag
    → DALI-gesteuert, Tunable White LEDs

Zu Hause

Empfehlung:

  • Morgens: Helles, kaltweißes Licht (Bad, Küche) → Wachmachen
    Beispiel: 6500K, 500 lx = ~450 mlx
  • Tagsüber: Neutralweißes Licht (Arbeitszimmer)
    Beispiel: 4000K, 500 lx = ~325 mlx
  • Abends: Warmweißes, gedimmtes Licht (Wohnzimmer, Schlafzimmer)
    Beispiel: 2700K, 100 lx = ~40 mlx
  • Bildschirme: Blaulichtfilter ab 20 Uhr (Night Shift, f.lux)
    → Reduziert mlx von Smartphone/PC

Messung von melanopischem Licht

Messgeräte:

  • Spezielle Melanopic-Lux-Meter:
    Z.B. Gigahertz-Optik BTS256-EF (teuer, ~5.000€)
  • Spektrometer + Berechnung:
    Spektrum messen → mit melanopischer Kurve gewichten → mlx berechnen
  • Näherung:
    Lux messen + Farbtemperatur kennen → mlx schätzen (siehe Tabelle oben)

Häufige Fehler

  • "Lux = mlx" → NEIN! mlx hängt stark von Farbtemperatur ab!
  • "Horizontal messen" → NEIN! mlx wirdvertikal auf Augenhöhe gemessen!
  • "Abends helles Kaltweiß" → Stört Melatonin-Produktion → Schlafprobleme!
  • "Tagsüber nur Warmweiß" → Zu wenig mlx → Müdigkeit, Konzentrationsprobleme!
  • "Blaulichtfilter den ganzen Tag" → Reduziert mlx → Circadianer Rhythmus gestört!

Verwandte Themen

Wissenschaftliche Grundlagen

  • CIE S 026/E:2018: CIE System for Metrology of Optical Radiation for ipRGC-Influenced Responses to Light
  • DIN SPEC 67600:2013: Biologisch wirksame Beleuchtung – Planungsempfehlungen
  • DIN/TS 5031-100:2021: Strahlungsphysik im optischen Bereich – Größen, Kurzzeichen, Wirkungsfunktionen (melanopisch)
  • Berson et al. (2002): Entdeckung der ipRGCs (Science, bahnbrechend!)
  • Cajochen et al. (2005): Melatonin-Unterdrückung durch blaues Licht

Letzte Aktualisierung: Februar 2026

Melanopisches Licht ist entscheidend für Gesundheit und Wohlbefinden – die Zukunft der Beleuchtung!